Als Pina mitten auf der Straßenkreuzung zusammenbricht, hat sie nur einen Gedanken: Wer kümmert sich jetzt um Leo? Ihr Sohn ist zwanzig Jahre alt und lebt in seiner eigenen Welt, die außer ihm nur Pina kennt. Morgens verlässt er das Bett erst, wenn eine grüne Blase in seiner Lavalampe aufsteigt. Wenn er Treppen geht, dann in seinem eigenen Rhythmus: immer zwei Schritte vor und einen Schritt zurück.
Die übrigen Hausbewohner verstehen den merkwürdigen Jungen nicht. Die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, der resignierte Einsiedler Wojtek und die lebensmüde Seniorin Inge haben mit sich selbst schon genug zu tun. Doch jetzt liegt Pina auf der Intensivstation und Leo ist zum ersten Mal allein in der Wohnung. Die Nachbarn sind in Schockstarre. Sie können doch wohl nicht zuständig sein! Aber Leo braucht sie. Und während diese ungewöhnliche Truppe durch einen völlig neuen Alltag stolpert, realisiert jeder Einzelne von ihnen: Sie brauchen Leo auch.
Pina lebt allein mit ihrem zwanzigjährigen Sohn Leo, der durch seine geistige Behinderung die Welt auf seine ganz eigene Weise wahrnimmt. Sie kennt seine Bedürfnisse, versteht seine Gewohnheiten und ist der Mensch, der den besten Zugang zu ihm hat. Dabei stellt sie ihr eigenes Wohlbefinden immer wieder hinten an. Selbst ihre anhaltenden Magenschmerzen nimmt sie kaum ernst und versucht stattdessen, diese mit immer mehr Schmerzmitteln zu unterdrücken.
Dann bricht Pina plötzlich auf offener Straße zusammen. Ein Magendurchbruch bringt sie in Lebensgefahr, eine Notoperation ist unumgänglich. Als sie nach einem künstlichen Koma auf der Intensivstation erwacht, gilt ihre größte Sorge jedoch weiterhin Leo. Denn ausgerechnet jetzt kann sie nicht für ihn da sein.
Unerwartet sind es drei Menschen aus der Nachbarschaft, die sich schließlich um Leo kümmern: die junge Zora, die ihr Zuhause verloren hat, die 86-jährige Inge, die seit dem Tod ihres Mannes zurückgezogen lebt und kaum noch einen Sinn in ihrem eigenen Leben sieht, und der eigenbrötlerische Wojtek. Eigentlich fühlt sich keiner von ihnen für Leo verantwortlich, und zunächst wirkt die ungewöhnliche Gemeinschaft alles andere als eingespielt.
Doch nach und nach verändert sich etwas. Die drei finden immer besser heraus, was Leo braucht, und wachsen an ihrer neuen Aufgabe. Gleichzeitig beginnt auch Leo, sich ein Stück weit zu öffnen. Was zunächst aus einer Notsituation heraus entsteht, entwickelt sich zu einer besonderen Gemeinschaft, von der am Ende alle profitieren. Denn während sie versuchen, Leo aufzufangen, finden auch Zora, Inge und Wojtek neue Nähe, Zusammenhalt und vielleicht sogar wieder einen Platz im Leben.
Die Autorin erzählt die Geschichte dieser ungewöhnlichen Hausgemeinschaft in einer angenehm einfachen und zugänglichen Sprache. Dabei konzentriert sie sich auf die kleinen Dinge des Alltags und schafft es gerade dadurch, den Figuren und ihren jeweiligen Lebenssituationen sehr nahezukommen. Die Geschichte braucht keine großen dramatischen Effekte, um zu berühren. Vielmehr sind es die leisen Momente, die zwischenmenschlichen Begegnungen und die langsamen Veränderungen, die dem Buch seine besondere Wärme verleihen.
Thematisch greift der Roman einiges auf. Die einzelnen Figuren behalten ihre eigenen Persönlichkeiten, Probleme und Eigenheiten und wachsen im Laufe der Handlung auf unterschiedliche Weise an der neuen Situation. Besonders schön fand ich, dass trotz der ernsteren Themen immer wieder humorvolle Momente eingebaut werden, die für eine angenehme Leichtigkeit sorgen.
Natürlich entwickelt sich manches vielleicht etwas idealistischer, als es im wirklichen Leben der Fall wäre. Allerdings passt diese hoffnungsvolle Richtung sehr gut zur Geschichte und dürfte auch genau das sein, was man sich als Leser von diesem Buch wünscht. Einige Nebenhandlungen bleiben dagegen etwas oberflächlich oder verlaufen im Laufe der Geschichte im Sande. Für die eigentliche Aussage des Romans fällt das jedoch kaum ins Gewicht.
Etwas mehr gestört haben mich die gelegentlichen Längen. An einigen Stellen hätte die Handlung für meinen Geschmack gestrafft werden können, da sich das Buch zwischendurch etwas zieht und dadurch an Tempo verliert. Das war letztlich auch der Grund für einen kleinen Abzug bei meiner Bewertung.
Insgesamt ist es jedoch ein warmherziger und berührender Roman, der ernste Themen mit Menschlichkeit und einer feinen Portion Humor verbindet. Eine Geschichte über Menschen, die zunächst kaum etwas miteinander zu tun haben und schließlich entdecken, was Gemeinschaft und gegenseitige Verantwortung bewirken können. Ein Buch mit Tiefe und einer wichtigen Botschaft, das zum Nachdenken anregt und gleichzeitig immer wieder ein Lächeln hervorruft.