Es gibt vier Farben der Magie: Im roten London befindet sie sich im Gleichgewicht mit dem Leben. Im weißen London wird die Magie versklavt, kontrolliert, unterdrückt. Dem grauen London ist sie fast abhandengekommen. Und im schwarzen London hat sie das Leben selbst vertilgt.
Als einer der wenigen Antari springt Kell zwischen den verschiedenen Welten hin und her. Doch er führt ein Doppelleben: Er ist Botschafter der Könige, aber auch ein Schmuggler. Eines Tages wird ihm als Bezahlung für einen außergewöhnlichen Botengang ein schwarzer Stein zugesteckt. Dass es sich um ein mächtiges magisches Artefakt handelt, merkt er erst, als er sich von einem gefährlichen Feind verfolgt sieht, der ihm das gute Stück abjagen möchte und dabei vor keinem Mittel zurückschreckt.
Auf der Flucht trifft der Magier die gewitzte Diebin Delilah Bard, die Kell zunächst ausraubt, ihm dann aber hilft. Allerdings erwartet sie eine Gegenleistung von ihm …
Kell besitzt eine seltene Gabe: Als sogenannter Antari kann er die Grenzen zwischen verschiedenen Welten überwinden. Vier Versionen von London existieren beziehungsweise existierten einst nebeneinander, jede mit einem ganz eigenen Verhältnis zur Magie. Kell selbst stammt aus dem Roten London und reist im Auftrag der Krone regelmäßig in das magiearme Graue London sowie in das gefährliche Weiße London. Das Schwarze London hingegen ist bereits vor langer Zeit der Magie zum Opfer gefallen und gilt seither als verloren.
Offiziell dient Kell als Botschafter und überbringt Nachrichten zwischen den Herrscherhäusern der verschiedenen Welten. Doch abseits seiner Pflichten geht er einer verbotenen Leidenschaft nach: Er schmuggelt Gegenstände von einem London ins andere. Dabei gelangt schließlich ein außergewöhnliches Artefakt in seine Hände, das von einer mächtigen und finsteren Magie durchdrungen ist. Schnell wird deutlich, dass dieser Gegenstand eine weitaus größere Gefahr darstellt, als Kell zunächst ahnt.
Auf seiner Flucht trifft er auf Lila, eine ebenso mutige wie eigensinnige Diebin, die ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und endlich ein echtes Abenteuer erleben möchte. Gemeinsam versuchen die beiden, das gefährliche Artefakt dorthin zurückzubringen, wo es keinen weiteren Schaden anrichten kann. Doch die dunkle Magie hat längst begonnen, ihren Einfluss auszuweiten.
Für Kell und Lila beginnt eine gefährliche Reise durch die verschiedenen Londons, bei der sie es mit mächtigen Gegnern, dunkler Magie und den Folgen von Kells eigenen Entscheidungen aufnehmen müssen. Denn sollte es ihnen nicht gelingen, das Artefakt aufzuhalten, könnte weit mehr als nur eine einzelne Welt in Gefahr geraten.
Besonders beeindruckt hat mich an diesem Buch die Gestaltung der verschiedenen Welten. Die unterschiedlichen Versionen Londons besitzen jeweils eine ganz eigene Atmosphäre und unterscheiden sich deutlich voneinander. Dabei schafft es V. E. Schwab, dem Leser die Besonderheiten der einzelnen Welten näherzubringen, ohne sich in endlosen Erklärungen oder unnötigen Beschreibungen zu verlieren. Die wichtigsten Zusammenhänge werden verständlich vermittelt und gleichzeitig bleibt noch genügend Raum für Geheimnisse. Besonders das Schwarze London ist von vielen offenen Fragen umgeben, was seine Geschichte umso faszinierender macht.
Auch der Schreibstil hat mir ausgesprochen gut gefallen. Die Geschichte lässt sich flüssig lesen und konzentriert sich auf die Dinge, die für die Handlung tatsächlich von Bedeutung sind. Dadurch entsteht ein angenehmes Tempo, bei dem ich nie das Gefühl hatte, mich durch belanglose Details kämpfen zu müssen.
Zu Beginn ist noch schwer abzuschätzen, wohin sich die Geschichte entwickeln wird. Gerade das fand ich jedoch spannend, denn die Handlung entfaltet sich nach und nach und gewinnt zunehmend an Tempo. Viele Entwicklungen lassen sich nicht sofort vorhersehen, da die Autorin auf zahlreiche typische Fantasy-Klischees verzichtet oder bekannte Elemente zumindest auf ihre eigene Weise umsetzt. Dadurch blieb für mich lange offen, wie die Figuren aus der immer gefährlicher werdenden Situation wieder herauskommen sollen.
Positiv überrascht hat mich außerdem, dass dieser Band eine weitgehend abgeschlossene Geschichte erzählt. Natürlich bleiben Möglichkeiten und Fragen für die Fortsetzungen bestehen, trotzdem fühlt sich das Ende nicht lediglich wie ein Zwischenstopp mitten in einer einzigen, über drei Bücher gestreckten Handlung an. Das hat mir persönlich sehr gut gefallen.
Auch die kaum vorhandene Liebesgeschichte war für mich ein Pluspunkt. Der Fokus liegt eindeutig auf der Fantasy, den verschiedenen Welten, der Magie und dem Abenteuer. Romantische Entwicklungen drängen sich nicht in den Vordergrund und nehmen der eigentlichen Handlung keinen Raum.
Die größte Stärke des Buches sind für mich jedoch die Charaktere. V. E. Schwab erschafft Figuren, die ihre ganz eigenen Persönlichkeiten, Schwächen und Vorgeschichten besitzen. Dabei müssen sie keineswegs immer sympathisch sein. Gerade Lila und Rhy haben bei mir immer wieder wechselnde Gefühle ausgelöst. Manche ihrer Eigenschaften mochte ich sehr, andere dagegen überhaupt nicht. Doch genau das machte sie für mich glaubwürdig. Sie wirken nicht wie Figuren, die unbedingt von jedem Leser geliebt werden sollen, sondern wie Menschen mit Ecken, Fehlern und teilweise schwierigen Seiten.
Auch Kell ist weit davon entfernt, ein perfekter Protagonist zu sein. Seine Entscheidungen sind nicht immer richtig und gerade seine Schwächen sorgen dafür, dass die Geschichte überhaupt erst ins Rollen kommt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – konnte ich ihn sehr gut als Hauptfigur annehmen. Insgesamt bleiben die Charaktere im Gedächtnis und wirken nicht wie austauschbare Standardfiguren, denen man bereits in unzähligen anderen Fantasyromanen begegnet ist.
Für mich war „Vier Farben der Magie“ daher eine gelungene Abwechslung innerhalb des Fantasygenres. Die außergewöhnliche Idee der verschiedenen Londons, die unvorhersehbare Handlung, der flüssige Schreibstil und vor allem die eigenständigen Charaktere haben mich überzeugt. Ein fantasievoller und spannender Reihenauftakt, der mit wenigen Klischees auskommt und neugierig darauf macht, noch tiefer in diese besonderen Welten einzutauchen.